Interview mit Jan de Leeuw zu seinem Jugendbuch "Eisvogelsommer"

© Davidfonds

Jan De Leeuw, geb. 1968 in Aalst, ist Psychologe. Schreiben wollte er schon immer. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und erhielten eine hervorragende Presse.

Wie kam es dazu, dass Sie Schriftsteller wurden?

Ich behaupte gern, ich sei immer schon Schriftsteller gewesen, doch das stimmt natürlich nicht. Aber schon als Kind habe ich mich von Geschichten angezogen gefühlt, sie waren viel besser als mein Alltagsleben. Ich habe schon mit zwölf Jahren geschrieben, einfach aus Spaß. Ich glaube, die bewusste Entscheidung, Schriftsteller zu werden, wenn das möglich ist, habe ich mit sechzehn getroffen, nachdem  ich „A Writer’s Diary“ von Virginia Woolf gelesen hatte. Ich wollte so ein Leben, das mit Büchern und literarischen Gesprächen gefüllt war. Und als ich dann feststellte, dass ich niemals zu einem neuen Bloomsbury gehören würde, war es schon zu spät.

 
Welche literarischen Vorbilder hatten Sie?

Beim Lesen war ich immer schon anglophil und bin es noch. Ich liebe die Victorianer, von George Eliot und den Brontës  bis zu Trollope. Ich liebe auch die so genannten „middle brow“ Autorinnen, Barbara Pym, Sylvia Townsend Warner, Barbara Comynss. Ich werde immer klassisches Geschichtenerzählen und glaubwürdige Personen bevorzugen.  Das bedeutet nicht, dass mir die Postmodernen nicht gefallen. Ich lese gern Pynchon und Beckett. Ich kann mich in der Sprache verlieren, aber diese Bücher werde ich nie so lieben wie Anna Karenina oder Sibylle Bedfords „Das Legat“ oder „Light Years“  oder …

Es fällt mir immer schwerer, Niederländisch zu lesen. Es macht mir keinen Spaß, ich lese es nicht mit dem gespannten Blick eines neugierigen Lesers, sondern mit denen eines Autors/Lektors/Kritikers/Konkurrenten. Ich sehe nur die Fehler, nicht die Schönheit, und das ist nicht gut. Zum Glück geht mir das mit anderen Sprachen  nicht so, deshalb lese ich noch immer gern Englisch und Französisch.

 

Ihre Bücher ähneln sich nicht, Sie wählen immer wieder andere Genres, Themen und Darstellungsarten, vom historischen Roman über Fantasy und einer skurrilen Komödie bis zum psychologischen Jugendbuch. Ihr jüngster Roman "Eisvogelsommer" erzählt eine Familien- und eine Liebesgeschichte in Geschichten, nicht linear, Fiktion in der Fiktion. Die Geschichten lassen sich nur langsam wie ein Puzzle zusammenfügen. Warum machen Sie das so?

Nach „Roter Schnee”, einem Buch, das “schwer” zu schreiben war, weil viele Recherchen dafür nötig und die Personen hart waren und sich gegenseitig schreckliche Dinge antaten, wie die Leute in „Game of Thrones“, brauchte ich etwas Erholung. Ich wollte einige witzige, glückliche Geschichten schreiben, ganz unbeschwert, über Leute, die Riesenkürbisse züchten, oder Buffalo Bill, der in eine flämische Kleinstadt kommt; Lügengeschichten, eigentlich. Ich weiß, dass Verlage keine Kurzgeschichten wollen, sie können sie nicht  verkaufen, also beschloss ich, eine Rahmenhandlung zu schreiben, um die Geschichten zu verbinden. Ein Großvater sollte sie seinem Enkel erzählen. Normalerweise fällt es mir nicht schwer, einer Romanperson Leben einzuhauchen, aber in diesem Fall blieb der Junge statisch, wurde nicht lebendig.

Nachdem ich immer wieder angefangen hatte, ging es mir auf: Wenn ich ihn nicht zum Leben erwecken kann, kann er auch gleich tot sein. Also beschloss ich, die Geschichte von einem toten Jungen erzählen zu lassen. Das änderte natürlich alles. Die Geschichten wurden Überlegungen zu Themen wie Tod und Kummer, die ganze Atmosphäre wurde andere, und es wurde ein psychologischer Roman über Trauer und Liebe. Ich habe dem Jungen viel von mir selbst gegeben, um so dicht wie möglich an ihn heranzukommen, sicherzustellen, dass er zu einem wirklichen Menschen wurde. Deshalb liegt mir dieses Buch so am Herzen. Es ist ein ehrliches Buch, glaube ich, ohne falsche Romantik.

Es war also keine bewusste Entscheidung, in dieser Form zu schreiben. Ich habe einige der Geschichten behalten (aber ich habe sie gekürzt, und einige Geschichten wurden neu geschrieben, um zu der Geschichte zu passen), denn sie bringen ein wenig Licht in ein ansonsten düsteres Buch und geben den Charakteren Tiefe.

 

Wie arbeiten Sie an einem neuen Buch? Recherchieren Sie lange, was ist zuerst da: die Figuren oder die Geschichte, schreiben Sie schnell oder langsam, korrigieren Sie vieles, diskutieren Sie mit anderen darüber?

Die Entstehung von „Eisvogelsommer“ war einzigartig, weil ich eine Sammlung von witzigen Geschichten schreiben wollte und am Ende mit einem zutiefst psychologischen Roman über den Tod da saß, aber jedes meiner Bücher macht seine eigenen Regeln. Ich sage immer: Diesmal fange ich erst an zu schreiben, wenn ich genau weiß, wohin die Reise geht, aber immer entführt mich die Geschichte und lockt mit an Orte, von denen ich vorher nicht einmal geträumt hätte. Was für das Buch gut ist. Man lernt seine Gestalten viel besser kennen, es gibt dem Buch unterschiedliche Ebenen, es gibt ihm eine Tiefe, die ihm fehlen würde, wenn es einfach aus der Gehirnrinde käme. Es ist nicht so gut für den Autor, der schreiben und verwerfen und neuschreiben und wegwerfen muss und große Angst hat, dass er am Ende nicht alle Stränge und Themen zusammenbringen kann. Ich brauche also mehr Zeit für ein Buch, als wenn ich ein cleverer Schriftsteller wäre, der alles im Voraus plant. Und natürlich bin ich sehr faul, was auch keine Hilfe ist. Ich diskutiere nie über das Buch, bis es eine Art Ende hat. Dann lasse ich es vielleicht von zwei oder drei anderen lesen, ich schreibe um, dann geht es an den Verlag, und wenn du einen brauchbaren Lektor oder eine brauchbare Lektorin hast, dann werden die auch noch einige vernünftige Bemerkungen beisteuern. Die Überarbeitungen können sehr durchgreifend sein.

 

Leben, Liebe, Tod – drei große Themen, die Ihren neuen Roman bestimmen und schon von so vielen Autoren behandelt wurden. Mussten Sie als Schriftsteller erst anderes ausprobieren, eine gewisse Sicherheit beim Schreiben entwickeln, bis Sie sich an diese Themen heranwagten?

In gewisser Weise handeln alle meine Bücher von Liebe und Tod. Romantische Liebe, ja, aber auch Liebe zwischen Familienmitgliedern oder Freunden. Für die meisten jungen Erwachsenen ist das wohl das Wichtigste im Leben, für mich ist es immer noch so. Geld und Arbeit und Politik und Religion können wichtig sein, aber sie interessieren mich nicht so sehr wie menschliche Beziehungen. Tod ist der endgültige Schleifstein des Lebens, deshalb kann man nichts Sinnvolles schreiben, ohne die Vorstellung des Todes zu streifen. Heranwachsen ist auch eine Art Tod, wenn man wachsen will, muss man sich ändern, und dabei muss man den töten, der man ist, um jemand anderes zu werden.

 

Ihre Figuren sind sehr lebendig, man kann sich ihnen als Leser kaum entziehen. Welche Rolle spielte Ihre psychologische Ausbildung bei der Gestaltung der Personen und der Handlung in "Eisvogelsommer"?

Ich stelle mir gern vor, dass das Gegenteil der Fall ist. Ich glaube, mein großes Interesse daran, wie Menschen denken und handeln, hat meine Entscheidung für das Psychologiestudium beeinflusst. Das schriftstellerische Interesse war schon längst vorhanden, als ich mein Studium aufgenommen habe.

Ich habe mich immer ein wenig neben dem wirklichen Leben gefühlt, habe in meinen Gedanken gelebt, habe eher beobachtet als teilgenommen, habe versucht zu erraten, was Normalität war, habe Menschen beobachtet. Für einen Menschen ist das an sich keine gute Idee, aber für einen Schriftsteller ist es eine gute Übung.  Es ist also ein bisschen frustrierend, wenn ich in Rezensionen lese, dass die fein ausbalancierte Psychologie meiner Personen eine Folge meines Studiums sei. Es ist so frustrierend, dass ich beschlossen habe, ein Buch zu schreiben, in dem das Innere meiner Hauptperson nicht dargestellt wird. Es sollte keine (offenkundige) Psychologie geben. Und so ist “Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus”  entstanden. Dort sind die Gedanken des Helden ein schwarzes Loch. Wir wissen nicht, was im Kopf des Jungen vor sich geht. Wir sehen, was hineingeht und was herauskommt, und nur so bekommen wir eine Ahnung davon, was der Junge denkt. Das ist eine ehrlichere Herangehensweise, als wenn der Autor nur einfach erzählt, was alle im Buch denken und empfinden.

 

Landschaft und Wetter bestimmen die Atmosphäre in Ihrem jüngsten Roman und werden als Bilder verwendet. Hatten Sie dabei eine bestimmte Gegend vor Augen?

Weil ich dem Jungen so viel von mir selbst gegeben habe, ist die Landschaft vermutlich mein Heimatort samt Umgebung. Der Hof seines Großvaters ist unbedingt der Hof meines Großvaters. Es gibt ihn nicht mehr, er ist abgebrannt, deshalb habe ich nur Erinnerungen. Ich weiß, meine Mutter hat sich darüber gefreut, als sie das Buch gelesen hat. Es hat ihr Elternhaus noch einmal lebendig werden lassen. Meine Mutter ist übrigens nicht die Mutter im Buch. Ich verwende nie Menschen, die ich kenne. Das würde nicht funktionieren.

 

Ihre Sprache in "Eisvogelsommer" ist poetisch. Oft scheint sie im Gegensatz zu den schrecklichen Erlebnissen zu stehen. Warum haben Sie sie gewählt?

Dabei habe ich zum ersten Mal wirklich über romantische Liebe geschrieben. Ich hatte das immer vermieden, weil es so ein Klischee in Büchern für junge Erwachsene ist, und es ist sehr schwer, aus dem Thema „Junge und Mädchen lernen sich kennen und verlieben sich“ etwas Brauchbares zu machen. Aber die Zeit war reif, und ich brauchte eine entsprechende Sprache. Thomas ist ein angehender Autor und sechzehn und verliebt, und sein Sprachgebrauch wird barocker, poetischer, ausschweifender. Das ist seine erste (und leider auch seine letzte) Liebe, sie bedeutet ihm alles, und da greift er natürlich zu einer anderen Tonart, einer anderen Stimmung, einer anderen Art von Sprache. Ich schreibe nicht gern Sexszenen, denn ich glaube, die holen den Leser oder die Leserin aus dem Buch heraus, aber als ich hier eine schreiben musste, konnte ich mich hinter der erhöhten Sprache verstecken. Und diese Szene, die übrigens vom Hohen Lied aus der Bibel inspiriert ist, habe ich alles ohne Unterbrechung geschrieben, in einer Art Trance. Diese Art zu schreiben fällt mir fast zu leicht, ich muss mich zusammenreißen, die ganze Zeit, um die Reiche von Sprache und Bildverwendung einzuschränken und nüchterner zu werden.

 

In "Eisvogelsommer" erleben die Figuren Schlimmes, das ihr eigenes Leben und das ihrer nächsten Umgebung und sogar das ihrer Nachfahren prägt. Sie muten Ihrem Publikum also einiges zu. Bedenken Sie das beim Schreiben? Haben Sie einen bestimmten Leser vor sich, oder folgen Sie der inneren Logik der Figuren und der Story?

Ich stelle mir den idealen Leser vor (und der bin natürlich ichJ), der jede Anspielung erfasst, sich an jedes Zitat und jedes Echo erinnert, diese Leserin oder dieser Leser sind empathisch beim Lesen, sie versenken sich gern in einer Geschichte, sie leben wirklich im Buch. „Eisvogelsommer“ ist zwar für Junge Erwachsene bestimmt, aber auch für Erwachsene. Ich bin erwachsen. Ich muss es auch interessant finden, sonst würde ich mir nicht die Mühe machen, es zu schreiben. Ein gutes Jugendbuch ist ein gutes Buch. Punkt. Es sollte für Jugendliche  und für Erwachsene etwas bedeuten, aber nicht zwangsläufig dasselbe.

 

Welche Erfahrungen machen Sie bei Lesungen? Wie reagiert Ihr Publikum, hat das Auswirkungen auf Ihr Schreiben?

Zum Glück nicht, sonst würde ich nur Dystopien voller Liebe und Gewalt schreiben. Was sich ja gar nicht so schlimm anhört, wenn ich mir das genauer überlege. Beim Schreiben steckt man so viel in das Buch, Bedeutungsebenen, Andeutungen, Verweise … Man will so originell sein wie möglich. Doch dann trifft man das Publikum, und das interessiert sich nicht weiter für Ebenen, begreift die Verweise nicht und interessiert sich nicht für Originalität, weil sie noch nicht so viele Bücher gelesen haben und das Klischee für sie noch immer frisch ist. Ihnen gefällt etwas, und dann wollen sie mehr im selben Stil. Das ist sehr gut zu verstehen.

Meinem Publikum nachzugeben, würde also bedeuten, populärere, aber überaus uninteressante Bücher zu schreiben, und nicht nachzugeben, würde bedeuten, von niemandem gelesen zu werden. Das ist ein interessantes Dilemma – wie soll ich es mir und dem Leser gleichermaßen rechtmachen.

>> Interview als PDF zum Download

 

Jan De Leeuw
Rolf Erdorf (Übers.)
Eisvogelsommer
ISBN 978-3-8369-5841-7
EUR (D) 16.95 | EUR (A) 17.50 | SFr 21.90

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