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Was macht eigentlich eine Souffleuse? Cornelia Boese im Kinderinterview

Cornelia Boese, geb. 1970 in Würzburg, studierte an der Hochschule für Musik und arbeitete als Opernsouffleuse, Bühnenmusikerin und Kinderkonzertmoderatorin. Ihre Übersetzung einer verschollenen Salieri-Oper ins Deutsche gab den Anstoß für eigene lyrische Werke. Seit 2005 lebt sie als freischaffende Dichterin. Für den Gerstenberg Verlag hat sie bereits zwei Bilderbücher in Reimform geschrieben: Der Tierigent und Maria, Josef und das Kind.

Angeregt durch ihr neues Bilderbuch Wo ist Theatrine? Die Welt rund um die Bühne haben Lene (5), Felix (7), Ben (8), Frederik (11) und Philipp (13) der Autorin Fragen zum Theater und zu ihrem ehemaligen Beruf als Souffleuse gestellt.

Ben: Wie viele Menschen passen in ein Theater?

In unserem Theater in Würzburg ist Platz für 750 Zuschauer. Auf und hinter der Bühne arbeiten 250 Leute. Wenn also alle gleichzeitig da wären, kämen wir auf 1000.

Felix: Gibt es in jedem Theater so viele Leute wie in diesem Bilderbuch?

Es gibt sehr kleine und sehr große Theater. An der Bayerischen Staatsoper in München sind tausend Mitarbeiter angestellt. In den Zuschauerraum passen 2100 Theaterbesucher. Das kleinste Theater in Deutschland ist in einem Stadtmauerturm untergebracht. Dort passen nur 21 Zuschauer hinein und  meistens ist nur ein einziger Mensch auf der Bühne.

Lene: Was heißt eigentlich Souffleuse?

Das Wort „Souffleuse“ kommt aus dem Französischen und bedeutet die „Vorsagerin“ oder „Zuflüsterin“. In der Oper, wenn das Orchester sehr laut spielt oder auf der Bühne der ganze Chor singt, muss die Souffleuse manchmal auch schreien.

Philipp: Woran merkt die Souffleuse, dass jemand Hilfe braucht?

Wenn die Schauspieler nicht wissen, wie es weitergeht, schauen sie die Souffleuse flehentlich an. Die muss immer ein Auge im Textbuch und ein Auge auf der Bühne haben, damit sie schnell helfen kann. Einmal hatte ein Schauspieler einen „Hänger“ und stand so weit weg, dass er mich nicht verstand. Da sagte er zu seinem Mitspieler: „Ich geh mal in die Sonne“, lief direkt vor den Souffleurkasten und holte sich dort seinen vergessenen Text ab.

Frederik: Wie oft muss man jemandem etwas zuflüstern? Kommt das oft vor?

Im Musiktheater bekommen die Sänger vor jedem Satz, den sie singen, die ersten Worte souffliert. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, denn wenn sie etwas vergessen würden, könnten sie es später nicht nachholen. Das Orchester spielt ja weiter und wartet nicht!

Im Sprechtheater kommt das Soufflieren etwa so häufig vor wie in der Schule, wenn die Schüler auf die Frage des Lehrers keine Antwort wissen. Nur ist das heimliche Vorsagen in der Schule nicht erlaubt – im Theater ist es ein Beruf.

Philipp: Kann das Publikum in der ersten Reihe hören, wenn die Souffleuse den Schauspielern weiterhilft?

Das kann passieren! Ich habe mir einmal an einem Theater in einer fremden Stadt die Oper Die Zauberflöte angesehen. Als die Vorstellung begann, hörte ich, wie die Souffleuse laut: „Zu Hilfe!“ rief. Das sind in dem Stück die ersten Worte des Prinzen Tamino, der von einer Schlange verfolgt wird. Auch im Schauspiel hört manchmal das ganze Publikum die Souffleuse zischeln, nur der schwerhörige Schauspieler nicht …

Felix: Ist es Ihnen schon mal passiert, dass Sie den Text nicht hatten?

Ja! Ich saß mit meinem dicken Textbuch im Kasten, und als der Vorhang aufging, merkte ich mit Entsetzen, dass ich das falsche Buch aus dem Schrank genommen hatte. Während der Ouvertüre (das ist die Einleitung, in der nur die Musikinstrumente zu hören sind und noch niemand singt) schlich ich mich durch das Orchester, sauste in mein Zimmer zurück und holte rasch das richtige.

Frederik: Wird das irgendwann auch mal langweilig, wenn man die Stücke schon alle kennt?

Nein, denn jede Vorstellung ist ein bisschen anders, selbst wenn das Stück zum 50. Mal gespielt wird. Fast immer passiert etwas Lustiges, etwas Unvorhergesehenes. Das Publikum merkt meist gar nicht, was auf der Bühne so alles schief geht, die Souffleuse schon. Ich habe die kleinen Katastrophen hinter den Kulissen immer aufgeschrieben und Gedichte daraus gemacht, wie z. B. als der Dirigent beim Schlussapplaus versehentlich einen Schritt zu weit nach vorne trat und in den Souffleurkasten fiel …

Frederik: Ist die Arbeit als Souffleuse schwer?

Im Souffleurkasten hocken ist gemütlich wie in einer kleinen Höhle, aber man muss es viele Stunden darin aushalten können. Eine Souffleuse muss sich jede Sekunde auf das Theaterstück konzentrieren und darf an nichts anderes denken. Im Schauspiel muss sie sehr einfühlsam sein und alle Darsteller gut kennen, in der Oper muss sie sogar dirigieren können und viele Fremdsprachen beherrschen. Ich habe schon auf Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch und Schwedisch souffliert.

Felix: Was passiert, wenn die Souffleuse krank ist und man keinen Ersatz hat? Gibt es auch manchmal keine Souffleuse?

Eine Vorstellung ohne Souffleuse wäre für die Sänger oder Schauspieler Riesenstress, deshalb sollte sie besser nie krank werden. Theaterleute bleiben nur zuhause, wenn wirklich gar nichts mehr geht. Als ich einmal ernsthaft krank wurde, musste der Dirigent soufflieren und der Pianist dirigieren und ein anderer Musiker Klavier spielen. Da waren alle nervös – auch ich daheim im Bett.

Frederik: Waren Sie schon mal als Souffleuse in einem richtig großen Theater?

Die größten Theater, an denen ich souffliert habe, waren außer dem Mainfranken Theater Würzburg das Tiroler Landestheater in Innsbruck und die Oper in Stockholm. Ich saß auch schon an der Wiener Staatsoper im Kasten – zusammen mit dem dortigen Souffleur. Das war sehr eng und sehr lehrreich und sehr lustig.

Felix: Haben Sie schon mal eine kleine Rolle übernommen, wenn eine Schauspielerin krank geworden ist?

Wenn Schauspieler oder Sänger krank werden, holt man oft einen Gast von einem anderen Theater. Das ist für alle sehr aufregend, weil der fremde Darsteller zwar seinen Text, aber nicht seine Mitspieler kennt und während der Vorstellung möglicherweise die falsche Person küsst oder ersticht. Da hat die Souffleuse besonders viel zu tun und ist heilfroh, wenn alles einigermaßen glatt geht. Zum Dank bekommt sie manchmal eine Rose oder Pralinen in den Kasten gereicht.

Frederik: Hat Ihnen Ihre Arbeit als Souffleuse gefallen?

Ich habe die Zeit in der Unterwelt des Theaters geliebt und bin 15 Jahre lang im Kasten gesessen. Dann bin ich wieder herausgeklettert, um Theaterführungen hinter den Kulissen zu machen, Kinderkonzerte zu moderieren und Bücher zu schreiben. Aber weil sich mein Nachname so schön auf den Beruf reimt, nennt man mich heute noch am Theater die „Boese Souffleuse“.

Lene und Felix

Warum kennt keiner in Ihrem Buch Theatrine? Wieso weiß niemand, wo sie ist?

Am Theater arbeiten so viele Menschen aus so vielen Ländern in so vielen verschiedenen Berufen, dass es sehr schwer ist, wirklich alle mit Namen zu kennen. Besonders die Souffleuse, die immer unsichtbar und allein in ihrem Kasten sitzt, wird oft übersehen und vergessen. Sie darf sich, obwohl sie so wichtig ist, nach der Vorstellung auch nie mit den anderen Künstlern zusammen verbeugen. Gut war sie, wenn niemand im Publikum etwas von ihr gehört oder gesehen hat. Die Souffleuse ist die gute Fee im Kasten!

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Cornelia Boese

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Cornelia Boese

Cornelia Boese, geb. 1970 in Würzburg, studierte an der Hochschule für Musik und arbeitete als Opernsouffleuse, Bühnenmusikerin und Kinderkonzertmoderatorin. Ihre Übersetzung einer verschollenen Salieri-Oper ins Deutsche gab den Anstoß für eigene lyrische Werke. Seit 2005 lebt sie als freischaffende Dichterin.

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